»Dann geh ich nächsten Sonntag zum Müller, wenn es euch recht ist.«
»Ja, Stephan ...« Die alte Frau erhob sich, schluchzte und zögerte. »Und wenn du den Hof ein wenig auffrischen lassen willst ... ich meine, wenn ich gleich gewußt hätte, was du im Sinn hast ... ich hab natürlich nichts dagegen.«
Aber die Freude, die sie in seinen Augen erwartet hatte, blieb aus, und während er sich zur Tür wandte, sagte er müde:
»Wozu, Mutter ... das ist ja eigentlich wirklich nicht nötig.«
Dreizehntes Kapitel
Stephan hatte Mühe, sich zurechtzufinden.
Er war den Weg schon seit Jahren nicht mehr gegangen und hatte schon als Knabe seine Not damit ... als Knabe, wo er doch so oft und so gern zur Mühle ging.
Sie lag irgendwo auf der anderen Seite des Berges, eingesenkt in Steingeröll und Fichtenschlünden. Manchmal blieb er stehen, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und säuberte mit einem großen Taschentuch an seinen Beinkleidern. Ein plötzlicher Südwind hatte den Schnee an den Hängen geweicht, daß er brockenweise heruntertaumelte und als schmutziges Wasser über die Pfade kroch. Und heiß war es. Erstickend heiß. Stephan hätte am liebsten das seidene Halstüchlein herabgenommen, aber seine Mutter hatte gesagt, es schicke sich nicht, ohne ein seidenes Halstüchlein zu freien ... und sie sollten nichts auszusetzen haben an ihm, der Müller und die Müllerin. Sollten nichts davon merken, daß er lesen und schreiben konnte und so viele Jahre in Innsbruck in der Schule saß. Ein Bauer wollte er sein, ein richtiger Bauer, der kein Anrecht hat auf ein Mädchen mit weißen Händen und goldenem Haar ... Zum Teufel auch! Er wäre ausgeglitten und erhaschte noch glücklich den Zipfel einer Tanne. Der Weg ging auch so steil ab, war so glitschrig, daß man förmlich schauen mußte, wohin man trat. Und ringsum senkten sich schwere Lüfte nieder, stauten sich graue Massen auf ... Regen ...
War das ein gutes Zeichen, wenn man freien ging?
Warum denn nicht? ... er würde gut sein gegen Agnes. Ihr nie ein böses Wort sagen und freie Hand lassen in allem was die Wirtschaft anbetraf. Das war ein Zug an allen Klausen, daß sie gut waren gegen Frauen ..., wenn auch einmal einer, irgendeiner, aber sicher nicht der Adalbert, die ganz alten Knechte erzählten es öfters, seine Mutter vor den Pflug spannte und hinter ihr mit der Peitsche schritt ... weiß Gott, wie das eigentlich war. Aber sein Vater war gut gegen seine Frau, hatte sie in Ehren gehalten, und er würde Agnes auch in Ehren halten. Ja, lebenslänglich in Ehren halten ... Etwas wie Stolz kam über ihn, und er eilte rascher vorwärts in plötzlicher Ungeduld. Dann blieb er wieder einmal stehen, zupfte an dem seidenen Halstuch und säuberte an seinen Beinkleidern. Vor ihm öffnete sich ein zerklüftetes Gesenke, tief unten, versteckt zwischen Felsen und Fichten, stand ein bemoostes Dach, und ein frischer, brauner Bach sprang um zwei große, hölzerne Räder. Aber die Räder standen still, denn es war Sonntag ... Freier-Sonntag.