Immer nur dienstliche Sachen! ... und doch schlich sich Stephan jeden Tag nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle und schaute mit seinem alten Fernglas den Weg nach Bozen hinauf und hinab. Aber die Steuern waren wohl noch immer nicht fällig, denn der Postbote kam nicht, so eifrig Stephan auch schaute, so sehr er das Fernglas auch drehte ... Und voll tiefer Beschämung ging er jedesmal in das Haus zurück und nahm sich vor, nie wieder auszuschauen. Aber den nächsten Morgen stand er doch draußen, an der Rückseite des Hauses, unter den langen Fängen der Windmühle ...

Da geschah es jetzt aber schon ein paarmal, daß er einen tiefen Schreck erlebte. Maria stand auch dort. Genau an derselben Stelle, wo er immer zu stehen pflegte, wo man den Weg am besten überschauen konnte. Mit straffgespanntem, weit vorgeneigtem Oberkörper, die Augen mit den Händen gegen den blendenden Schnee geschützt, schaute sie den Weg hinab, schaute starr hinab und suchte ...

Stephan war jedesmal schnell zurückgetreten, noch ehe sie ihn bemerken konnte, und ging schließlich nur mehr auf Ausguck, wenn er Maria dringendst im Haus beschäftigt wußte. Aber es dünkte ihn eine lächerliche, wahnsinnige Sache, daß sie, ohne es einander zu verraten, auf ein und dasselbe warteten, von dem sie beide wußten, daß es nie kommen würde, auf eine Nachricht aus dem fernen, schönen, prachtumrauschten Wien ...

Und die Stadt, die sie früher manchmal nennen hörten, ohne sich etwas dabei zu denken, wurde ihren Herzen der Mittelpunkt brennendsten Verlangens, sehnsüchtigster Träume ...

Wien! Du wunderbares, märchenhaftes, weitentrücktes Wien! ...

Und nach und nach wurde ihnen die Heimat enge, die Heimat mit den Bergen ringsherum, die alle Aussicht wehrten in die Ferne. O du Ferne! du glänzende, glückliche Ferne! ...

Vergrämt, verdrossen, mit äußerster Anstrengung gingen sie ihrer Arbeit nach. Wie böse Geister versanken die Novembernächte, wie böse Fragen kamen die Dezembertage ... Wenn nur Weihnachten erst vorüber wäre ...! Weihnachten, das sie sonst so festlich in innigster Eintracht begangen hatten und das sie diesmal fürchten mußten, wegen der Klüfte, wegen der Fremde, die der Sommer, ein einziger kurzer Sommer, unter sie getragen hatte. Und je näher das Fest der Freude, das Fest der Liebe kam, desto mehr wurde der Wunsch in ihnen rege, sich einander anzuvertrauen, einander alles zu sagen, miteinander alles zu tragen ...

Aber so oft sie damit anfangen wollten, färbten sich ihre Wangen, stockte ihnen der Atem, versagten ihre Zungen ...

Nein! es geht nicht. Es geht nicht! ...

Und Maria beugte sich tiefer über ihren Rocken, und Stephan beugte sich tiefer über sein Buch ...