»Ja.«
»Aufrichtig gesagt, es würde mich groß wundern, wenn wirklich alles gut bei ihr ginge.«
Maria hüllte sich in ein warmes, dunkles Tuch.
»Also Gott befohlen, Mutter.«
»Gott befohlen ... und vergiß den Gruß nicht.«
»Werde ihn besorgen.«
Sie drückte die Tür ins Schloß und schritt leise fröstelnd über den Hof. Ob Stephan sich nicht zeigte? ... Aber nein, er war nirgends zu sehen ... Sie lächelte zornig, und eine trotzige Falte grub sich zwischen ihre Brauen. Ohne Gruß und ohne Wort ließ er sie fort am Weihnachtstag ...
Ohne umzuschauen eilte sie den schmalen Pfad hinab, der durch die Wiesen abwärts führte, und mäßigte erst ihren Lauf, als sie weit unten ein tannenstarrender Wald aufnahm. Gott sei Dank! Die weiten Wiesen zwischen ihr und dem Hof, zwischen ihr und Stephan, das gab ein wunderbares Gefühl der Freie ... Aber mitten in diesen Gedanken blieb sie stehen und drückte, jäh aufschluchzend, die Hände vors Gesicht. Daß es so weit kommen konnte ... so weit.
Und während sie wieder weiterschritt, begann sie plötzlich zu reden, als ob Stephan neben ihr ginge:
»Wir waren böse schon als Kinder. Ja böse, denn unsere Liebe war ein Unrecht. Weißt du noch, wie oft Therese weinte, weil wir sie nie mitspielen lassen wollten? Wir spielten immer Graf und Gräfin, und einmal sagten wir Therese, sie sei zu häßlich für ein so feines Spiel. Weißt du das noch? Seitdem hat sie uns nie wieder geplagt und lief dann immer mit dem Vater ins Feld. Und als wir größer wurden und den weiten Weg nach Kampenn in die Schule mußten, ließen wir Therese immer hinter uns laufen, weil sie damals arg stotterte und wir uns schämten, daß sie unsere Schwester war ... und jetzt sind wir zwei so elend geworden ...«