Es hatte zu schneien begonnen. Erst in feinen, weißen Pünktchen, dann immer dichter und dichter, bis große Flocken niedersanken und wie weiche Lippen Marias Wangen streiften. Und während sie das Tuch fester um die Schultern zog, sagte sie:
»Aber es ist auch ein Glück dabei, daß wir so gemeinsam leiden ...«
Plötzlich erschrak sie, und so heftig erschrak sie, daß sie mit den Händen nach dem Stamm eines Baumes griff, um nicht umzusinken. Gegen den Schnee und den Wind kämpfend, kam gebückt und schwerfällig, in einen groben Lodenrock gehüllt, ein alter Mann daher. Auf seinem Kragen leuchtete ein Stückchen rotes Tuch, um seinen Leib trug er eine breite, schwarze Ledertasche, und in den bepelzten Händen hielt er Briefe. Wirkliche Briefe, und er kam den Weg zum Klausenhof.
Maria mußte sich Gewalt antun, um nicht laut herauszuschluchzen in ungestümer Seligkeit. Und weil sie totsicher war, daß der Mann ihretwegen heraufgekommen war, blieb sie stehen und sagte:
»Ihr braucht nicht weiterzugehen. Ich kann es Euch abnehmen.«
Der Briefträger freute sich, daß er den Weg ersparen könnte, und suchte eilig unter den Briefen. Dann zog er ein weißes Kärtchen hervor und reichte es ihr mit zittrigen Händen. Hastig dankend nahm sie es in Empfang und ging rasch grüßend weiter. Als sie weit genug war, daß der Alte sie nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen und drehte das Kärtchen um. Dann aber fuhr ein Beben durch ihren Leib, und sie wurde blaß. Die Schrift auf der Karte war keine Männerschrift, wie sie erwartet hatte, sondern eine feine Mädchenschrift, und die Adresse war ganz deutlich: »Herrn Stephan Klausen.«
Also nicht für sie ... und sie blieb noch immer stehen und haderte mit dem Schicksal in wilder Verblendung. Soll sie ihm die Karte geben? ... soll sie sie ihm geben? ... wie kommt er dazu, daß er so glücklich wird? ... soll sie sie ihm geben? ...
Gleich aber erkannte sie ihr Unrecht und schämte sich ihrer neuen Bösartigkeit ... O, gewiß wird sie sie ihm geben ... als allerschönste Weihnachtsfreude wird sie sie ihm geben ...
Und mit zartester Behutsamkeit schob sie die Karte in die schweren Falten ihres Kleides.
– – – Therese hatte keine Ahnung gehabt, daß Maria kommen werde, und wurde purpurrot, als die Schwester plötzlich in die Stube trat.