Und die Worte, die ihr seit dem Abschied mit Therese in den Ohren klangen, klangen noch stärker als vorher:

»Eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof, ihr Heim, dort gehört sie hin.«

Wie arm war sie plötzlich geworden. Sie, die Tochter eines freien Bauern, die selten noch auf fremden Boden trat, groß und stolz geworden im Bewußtsein, daß der ganze Berg und noch ein gutes Stück darunter und hinüber Gut und Erbgut der Klausen sei, zusammen mit dem Hof da oben, der immer ihre Heimat war. Und jetzt plötzlich gehörte sie nimmer hin, hatte kein Recht auf den Stuhl beim Rocken, hatte kein Recht auf den Platz beim Herd ... und der Traum, der frohe Kindertraum, daß sie und Stephan einmal allein da oben walten würden ... und der andere Traum, der erste, süße Mädchentraum, daß sie einem Weidmann in sein grünes Häuschen folgt ... und der letzte Traum, so grausam bitter, und doch süßer als irgend etwas in der Welt, daß ein Fremder, ein namenloser Fremder, der ihr nichts gibt, nichts verspricht, sie einmal küssen wird ... wo waren diese Träume alle? ...

Wo waren sie ...?

Fort! ... wie er fort ist ... wie seine Augen, seine Hände fort sind ... Fort! alles fort, und nur sie ist da und geht einsam und heimkrank durch den öden Schnee ...

Und plötzlich blieb sie wieder stehen und drückte ihre zitternden Hände an die fiebernde Stirn ... Wie? wenn sie gar nicht da hinauf ginge ... wenn sie anderswo hinginge ... gleichviel wohin ... nur nicht da hinauf, wo sie doch keine Freude brachte, denn die Mutter hatte Stephan, und Stephan hatte ... sie dachte an ein blondes Mädchen, das sie im Sommer öfters neben Stephan über die Wiesen wandeln sah, und dachte an die Karte in ihrer Tasche ... Langsam, zögernd, nahm sie sie heraus und übersah sie noch einmal im rasch fallenden Licht des Abend. Schräg über das weiße Papier stand in Gold gedruckt der Weihnachtswunsch, und unten in der Ecke stand in zierlichen, zögernden Strichen der Name der Senderin ... Und etwas in Maria sagte:

»O ja, du bringst eine Freude, eine gewaltige, erschütternde Freude.« Dann verbarg sie das Kärtchen wieder sorgsam und eilte den letzten, steilen Pfad hinan. Als sie oben war, löste sich eine Gestalt von der Mauer und kam ihr entgegen. Es war Stephan, und Maria begann zu zittern aus Freude und Angst und Verwirrung und hundert anderen Dingen, die sie so schnell nicht zu deuten vermochte. Er hatte da auf sie gewartet, hatte vielleicht den ganzen Tag auf sie gewartet, und sie hatte gehadert, daß sie einsam war ... Die plötzliche Freude verschlug ihr die Rede. Ohne einen Laut gab sie ihm das Kärtchen, ging dann rasch in das Haus und ließ ihn stehen, betäubt wie er stand. In der Stube aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, denn dort drinnen brannte ein Weihnachtsbäumchen, das Stephan und die alte Frau heimlich geputzt hatten. Und Gaben lagen darunter, von der Mutter, von Stephan, einfache süße Dinge, Gaben der Liebe ...

Und dann machte es die Mutter genau wie Therese. Sie nahm Maria das Tuch von den Schultern, drängte sie in den weichsten Stuhl beim Feuer und brachte ihr wärmenden Tee und weiches, lockeres Brot. Nur nicht so frisch und jung lief sie dabei herum wie Therese, sondern ein wenig mühsam, ein wenig atemlos, aber tausendmal so lieb darum ...

Und als alles auf dem Tische stand, Maria es sich wohl schmecken ließ, die Geschenke der Reihe nach streichelte und bewunderte und dabei ihre müden Füße gegen das knisternde Feuer hielt, daß sie die Heimatswärme wohlig durchfuhr, fragte die Bäuerin wie von ungefähr:

»Wo mag nur Stephan sein?«