Es nützte nichts. Stephan mochte reden und drängen, so viel er wollte, die sonst so weiche und nachgiebige Frau war unerbittlich. Trotzdem gab er seinen Vorsatz nicht auf und sandte heimlich einen Boten nach Bozen. Der brachte von dem Maurermeister ein Büchlein mit Ansichten und Plänen, und Stephan studierte hinter festverschlossenen Türen darin herum. Aber es dünkte ihm nichts gut genug. Er wollte etwas mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen, und so schrieb er ein paar Tage später direkt nach Innsbruck. Merkwürdigerweise aber sandte er den Brief nicht weg, sondern trug ihn Woche um Woche in der Tasche herum.
Jeden Abend nahm er sich vor, ihn morgen zu schicken, und wenn der Morgen kam, tat er es wieder nicht. Tat es nicht, vielleicht weil man ... und das war ihm erst später eingefallen ... ja doch nicht bauen konnte, solange der Boden nicht ausgetrocknet war, vielleicht auch, weil die Mutter zu husten begann und so merkwürdig spitz wurde. Und schließlich hatte sie recht. Es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind ... die waren auch nicht besser da drüben, trotzdem sie ein feines Haus bewohnten ...
Wie Trotz und Wut überkam es ihn, und mit doppelter Zärtlichkeit umgab er die scheidende Mutter. Nein, er wollte nicht mehr daran denken. Eigentlich war es ja auch ein Wahnsinn, daran zu denken. Denn was berechtigte ihn dazu? Ein Kärtchen ... ein einziges weißes Weihnachtskärtchen ... geschickt aus Langeweile, aus Laune, aus Mitleid, oder sonst einem tollen Grund, wie sie nur die Weiber haben ... O, er war in Innsbruck nicht so ganz ohne Erfahrung geblieben ... zum Teufel auch, ihn sollte keine necken! ...
Gleich darauf aber schlug er erschüttert die Hände vors Gesicht. Daß er so etwas denken konnte ... von ihr, die süßer war als erste Sommerblüten, und keuscher war als frischer Firnenschnee ...
Nein! ihresgleichen hatte es in Innsbruck nicht gegeben, gab es nimmer in der Welt! ...
»Margarete.«
Er wollte es laut sagen, um sich das fremde, blonde Mädchen besser zu vergegenwärtigen. Aber der feine, ungewohnte Name brach auf seiner Zunge, und da sagte er halb erschrocken über die Kühnheit, halb glücklich über die Macht, die ihm doch niemand wehren konnte, »Grete«.
... und der frühe Föhn, der vorüberstrich, nahm das Wort von seinen Lippen, trug es in die Wälder, warf es in die Lüfte, daß es tausendfältig wiederklang. »Grete ... Grete.«
Und taumelnd vor Sehnsucht griff Stephan in die Tasche nach der Weihnachtskarte, die er immer bei sich trug. Da spürte er etwas Hartes, etwas Festes, einen Brief. Richtig!
Der mußte fort. Heute noch ... mochte die Mutter weinen.