Das war es, woran sie unablässig dachten, was sie unablässig quälte. Aber sie sprachen sich nicht aus darüber und warteten auf den Herbst. Viele Leute kommen ja erst im Herbst. Ja viele ... Und jeden Tag schauten sie auf die Fensterläden. Aber die Fensterläden öffneten sich nicht, auch im Herbst nicht.

Da wurde Stephan wieder bitter und übellaunig, wie er es eine Zeitlang im Frühjahr war, und eines Tages ließ er alle Arbeit stehen, stopfte seinen Rucksack und ging auf die Alm.

Er blieb ein paar Tage oben, kam dann heim, ging aber gleich wieder. Die Knechte schüttelten die Köpfe, aber Maria freute sich, daß sie jetzt allein war mit ihren Gedanken. Und weil die Hoffnung sich in einem Frauenherzen nicht niederringen läßt, ging sie wieder jeden Tag hinaus unter die langen Fänge der Windmühle und schaute den Weg nach Bozen hinab und hinauf. Als sie aber nach einiger Zeit sah, daß der Altknecht sie beobachtete, gab sie das auf. Es fehlte ohnehin schon stark an Respekt, seit Stephan so wunderlich war. Es galt, sich zusammenzunehmen. Und sie nahm sich zusammen und ließ hier und da ein Wort fallen von neuen Gründen, die Stephan weiter oben erstehen wollte, und von einer neuen Almhütte, die er zu bauen gedächte. Ob die Leute das glaubten? ...

So wurde es Winter. Die Ochsen waren wie jedes Jahr seit Allerheiligen herunten, aber Stephan war noch oben, ganz allein auf der tiefverschneiten Alm.

Eines Tages brachte der Altknecht Maria einen Brief. Er gab ihn ihr zugleich mit ein paar anderen Dingen, die er auf seinem Wege über den Hof aufgelesen hatte: einen Blumentopf, der vom Fensterbrett gefallen war, ein Stück rote Schnur, und Maria nahm das alles sorgfältig und hielt noch überdies die kleine Kuhmagd, die zufällig daher kam, mit eingehenden Fragen über die Kühe auf, alles, nur damit der Alte nichts von ihrem Zittern und ihrer Erregung merken sollte. Als sie dann endlich allein war, wollte sie den Brief öffnen, besann sich aber ... nein, nicht jetzt, während der vielen Arbeit ...

Sie kochte das Essen fertig, beteilte die Leute, räumte fort und tat alles wie sonst. Nachmittag fand sie dann wieder keine Zeit, so wartete sie bis abends. Sie wartete, bis der letzte Knecht und die letzte Magd »Gute Nacht« gewünscht hatten, dann legte sie noch Scheite auf das Feuer, stellte die Lampe auf den Tisch und zog die Vorhänge mit doppelter Sorgfalt zu. Danach nahm sie den Brief aus ihrer Jacke, betrachtete ihn von allen Seiten und las die Adresse: »Fräulein Maria Klausen ...«

Ja, er gehörte ihr. Aber sie konnte ihn trotzdem nicht öffnen, und es dauerte lange, bis sie sich dazu überwand. Endlich riß sie den Umschlag auf. Ein paar engbeschriebene Seiten Papier, dazwischen welke Blumen. Mit zitternden Fingern strich sie darüber, und heiße Tränen stürzten in ihre Augen:

»Maria ...

Du wirst nicht böse sein, wenn ich Dich bei Deinem Namen nenne und Du zu Dir sage. Denn oft schon habe ich jetzt während meiner Krankheit Dich bei Deinem Namen genannt, und Du hast mich nur angesehen und leise genickt. Und so deutlich und greifbar bist Du mir vorgeschwebt dabei, daß ich manchmal dachte, es sei unnötig, Dir das zu sagen, was ich Dir nun doch sagen will, weil Du alles weißt. Und wäre es auch nur durch die Hoffnung, mit der Du auf mich wartest. Denn Du wartest auf mich, obgleich es eine tolle, undankbare Sache ist, auf einen, wie ich bin, zu warten ...

Erröte nicht. Du hast Dir nichts vergeben. Deine Liebe ist wie Deine Heimat rein und schön, und kein Mädchen wäre würdiger als Du, daß man es wiederliebte. Das sage ich mir nicht nur heute, das habe ich mir auch damals gesagt, gesagt, wenn ich Dich sah und wenn ich Dich nicht sah, und oft schon flossen mir die Worte auf die Zunge. Aber dann tatest Du mir immer leid, Maria, denn meine Liebe hätte Dich erschreckt ... Einmal hatte ich ein paar Blumen gepflückt, und die wollte ich Dir bringen. Ich traf Dich aber damals gerade nicht, und so schlich ich mich spätabends an Dein Fenster. Ich sah Dich auch. Du tatest noch dieses und jenes, kleine süße Hausfrauendinge, dann decktest Du Dein Bett ab und kämmtest Dein Haar. Ich seh Dich noch so deutlich im halben Schein der Kerze, im Hintergrund Dein aufgeschlagenes, schmales Mädchenbett. Erst wollte ich an Dein Fenster klopfen, dann noch warten ... dann tat ich weder das eine noch das andere, sondern ich ging heim. Und die Blumen nahm ich mit und gab sie Dir auch den nächsten Tag nicht ... gab sie Dir gar nicht. Und das war gut, Maria, denn nicht umsonst gibt ein wilder Mann einem keuschen Mädchen Blumen. Es war aber nicht allein Du und das Mitleid mit Dir, das mich abgehalten hat, es war etwas anderes noch, das damals heftig bei mir mitsprach, und das war Dein Bruder. Wie soll ich Dir jetzt das erklären? Schau, Maria, es gibt Männer, die wie Teufel sind und die einen auch zu Teufeln machen, und es gibt Männer, deren Art uns fortwährend beschämt, deren bloßer Anblick einen wünschen läßt, nie mehr eine Gemeinheit zu begehen ... So wirkte auf mich Dein Bruder. Wir begegneten uns sehr oft, und seine Augen sagten jedesmal: