»Zeig dich den Leuten, Stephan ...«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der starke Schneefall hatte in den Wäldern großen Schaden angerichtet. Haufenweise lagen schwere Äste aufeinander, und selbst ausgewachsene Bäume waren hier und da entzweigebrochen. Was sich aber gehalten hatte, stand mit an den Leib gepreßten Zweigen, so schwer hing der beeiste Schnee an ihnen. Maria hatte Mühe, durchzukommen, doch sie beachtete die Hindernisse und Beschwerlichkeiten des Weges nicht. In ihrem Herzen war klare Freude.

Vor nicht viel länger als einem Jahr hatte sie denselben Weg gemacht, und sie dachte daran, wie bitter damals alles für sie schien. Wie sie, von Zorn und Weh verblendet, da an derselben Stelle stand, Stephans Kärtchen wägend in der Hand, ungewiß, ob sie ihm die arme Freude gönnen sollte ... denn eine arme Freude war es, dieses Zeichen einer Lebenden, jeder Laune, jedem Wechsel untertan. Eine arme Freude im Vergleich zu ihrem Glück, das von einem Toten kam, nicht zu deuteln, nicht zu ändern, und von keiner Macht der Welt zu widerrufen. Ja, sie war sehr glücklich ...

Plötzlich schämte sie sich, denn sie dachte an Therese.

Wie sie das auch vergessen konnte ... was mag nur geschehen sein? Hoffentlich kein Unglück ... aber es war schon möglich, jetzt mit den Schneebrüchen. Vielleicht war ihrem Mann etwas geschehen ... vielleicht hatte eine stürzende Lawine den Hof eingerissen ...

»Herrgott!«

Von einer tollen Angst erfüllt, lief sie vorwärts, und als sie endlich den Hof vor sich sah, der ganz und unversehrt auf seinem Platze stand, erfaßte sie eine solche Angst, daß ihr die Knie zitterten. Also doch ein Unglück mit Theresens Mann ...

Sie dachte an ihren Vater, den sie leblos und blutüberströmt gebracht hatten, und blieb vor dem Tore stehen, weil sie sich fürchtete einzutreten. Therese aber mußte sie vom Fenster aus gesehen haben, denn sie kam heraus und sagte:

»Gott sei Dank!«