Maria war beschämt und eingeschüchtert, aber nun sagte sie rasch und weinend:
»Das ist es ja eben, Mutter Geisler. Es ist keine natürliche Krankheit. So ein furchtbarer Husten ist es, daß ihm das Blut bei Mund und Nase läuft. Der Doktor weiß auch nicht, was es ist. Er sagt, es steht in keinem Buch ...«
Die Alte lächelte verächtlich.
»Der Doktor ...! hört mir auf mit ihm. Das glaube ich gerne, daß er nicht weiß, was es ist, und daß vieles nicht in seinen Büchern steht, was der liebe Herrgott tut ... geht und schämt Euch ...! Aber nein! damit Ihr nicht etwa denkt, daß wir unfreundliche Leute sind, die nachtragen und Übles nicht vergessen können, will ich Euch eine Salbe mitgeben, die Ihr probieren sollt. Sie hat schon vielen geholfen. Reibt damit das Kind nach jedem Hustenanfall von oben bis unten ein und tragt ihn fleißig in der frischen Luft herum.«
Nach diesen Worten erhob sie sich, trat an einen arg zerfallenen Schrank, suchte unter den Dosen und Döschen und nahm endlich einen weißen Tiegel heraus, den sie Maria überreichte.
Maria aber überkam plötzlich ein mächtiges Zutrauen zu den klugen Augen der alten Frau. Sie nahm den Tiegel mit einem hastigen »Vergelt's Gott« und tastete sich hinaus.
Die Dunkelheit, die draußen herrschte, brachte ihr Josef in Erinnerung. Er stand jenseits der Wiese, genau an der Stelle, wo sie ihn stehen ließ, und das Licht seiner Laterne leuchtete zu ihr herüber. Ein tiefes, leidloses Glücksgefühl stieg plötzlich in ihr auf. »Wie gut der Josef war ...«
Aber sie sagte kein Wort zu ihm, als sie drüben war, und er trug schweigend die Laterne hinter ihr. Den ganzen Weg redeten sie kein einziges Wort, und Josef fragte nichts, selbst nicht an der Wegeswende, wo Maria statt nach rechts zum Klausenhof, nach links abbog. Gegen Mitternacht erreichten sie Theresens Anwesen. Er blieb beim Tor stehen und hob die Laterne hoch, um ihr in den Hof zu leuchten. Sie wollte stehen bleiben und ihm danken. Aber plötzlich trieb sie die Angst um das Kind oder sonst etwas ... So nickte sie nur und ging hinein. Kaum war sie drinnen, dachte sie mit heftigem Herzklopfen an das Bild, das sie in der Stube vorfinden würde. Der Kleine war vielleicht schon tot, Therese krank vor Gram und Kummer. Sie griff nach dem weißen Tiegel in ihrer Tasche und öffnete die Türe. An der Wand zwischen den Fenstern hing eine brennende, halbverdeckte Lampe, aber die geweihten Kerzen waren ausgelöscht, und Therese saß beim Bettchen. Sie legte, als Maria eintrat, zum Zeichen des Schweigens ihren Finger an den Mund, und Maria wußte sofort aus ihren Mienen, daß der Kleine noch nicht gestorben war, sondern schlief. Ohne ihre nassen Kleider abzulegen kauerte sie sich neben Therese, berichtete in Flüstertönen über ihren Besuch bei Mutter Geisler und zeigte endlich den weißen Tiegel. Therese schien anfangs enttäuscht zu sein, dann aber sagte sie:
»Der Kleine hat die vielen Stunden, die du fort warst, nicht gehustet. Das ist ein gutes Zeichen, und ich glaubte schon, die Toni hat's gemacht. Aber jetzt muß ich denken, daß es die Wallfahrt ist ... der heiligen Jungfrau sei gedankt ...!«
Sie schwieg und schaute sinnend auf den Kleinen.