Doch der Hustenanfall, den Therese so fürchtete, kam diese Nacht noch ein paarmal. Aber jedesmal, wenn er vorbei war, rieb Maria das kleine Körperchen mit der grünen Salbe aus dem weißen Tiegel, und den nächsten Morgen trug sie das Kind trotz der Kälte und dem ungläubigen Kopfschütteln Theresens hinaus in die klare Winterluft.
Über eine Woche blieb sie bei Therese und tat unverdrossen nach dem Rat der alten Mutter Geisler. Und als am Samstag ihr Schwager von der Wallfahrt kam, glaubte er und auch Therese, die Himmelsmutter habe den Jungen so frisch gemacht.
Maria aber hatte darüber ihre eigenen Gedanken.
Wo sie ging und wo sie stand, sah sie die klugen Augen der alten Frau, und manchmal meinte sie, alles Weh müsse gut werden unter ihr.
Dann fiel ihr immer Stephan ein und sein zerfahrenes, unglückliches Geschick. Gab es da einen Ausweg? ...
Er liebte ein Mädchen, das er schon seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen hatte, das seit Jahr und Tag nicht mehr an ihn dachte. Und wenn auch ...! Würde so eine Feine, so eine Verwöhnte, wie es dieses Mädchen war, auf einen Bauernhof ziehen? Winter und Sommer da oben bleiben? Butter rühren? Eier zählen? und sich mit hartköpfigen Knechten und derben Mägden mischen? ...
Freilich, es gab verschiedene Dinge in der Welt. Unten in Bozen zum Beispiel hatte vor ungefähr sechs Jahren eine reiche Lehrerstochter auch einen Bauer geheiratet. Und war ein Übel daraus geworden? ... Nicht daß man wüßte. Der Hof stand noch an derselben Stelle, nur ein wenig ausgebaut und hergerichtet. Und drinnen, so hörte man, war es auch nur ein wenig anders geworden. So zum Beispiel stand die Bäuerin später auf als andere Bäuerinnen und nahm ihre Mahlzeiten nicht mit den Knechten, sondern allein mit dem Bauer. Und ging nicht in blaugefärbten Kleidern herum, sondern trug auch an Wochentagen eine lila Samtbluse. Das hatte Maria oft genug gehört, und es war sicher keine Verleumdung. Nun, und war der Bauer vielleicht unglücklich deswegen? Kaum. Denn ganz Bozen weiß, wie er an seinem Weibe hängt und daß er nie in die Lauben geht, ohne irgendetwas Hübsches für sie zu kaufen. Die Händler kennen ihn schon und reiben sich die Hände, wenn er kommt, denn er kauft, ohne zu feilschen, und nimmt nur das Teuerste: seidene Taschentücher, echte Schildpattnadeln und Glücksringe ...
Aber noch während sie an all das dachte, schüttelte Maria unwillig den Kopf. Mochte es auf dem Hof in Bozen zugehen, wie es wolle, im Klausenhof konnte man so etwas nicht brauchen. Was würde die Mutter zu so einer Wirtschaft sagen? Das ging also nicht.
Gab es aber einen anderen Ausweg? ... Allerdings, einen gab es noch ... Doch es gab ihr einen Ruck, und sie sträubte sich, daran zu denken. Den Hof hergeben ... Aber nein! das konnte Stephan nie tun. Den alten Klausenhof in andere Hände geben ... was würde der Vater dazu sagen? ... Da blieb nur eines: Stephan mußte die Städterin vergessen.
Aber dann dachte sie an ihr eigenes Geschick. An den fremden Mann – für sie, trotzdem sie nun seinen Namen wußte, noch immer der namenlose, märchenhafte Fremdling – und sah ein, daß weder sie noch Stephan je vergessen konnten.