Und wieder flogen ihre Gedanken zu Mutter Geisler, zu den klugen Augen und dem weißen Scheitel ... Mutter Geisler, die wußte vielleicht Rat. Immer mehr drängte sich dieser Glaube bei ihr auf, und als sie am Sonntag von Therese und ihrem Manne Abschied nahm, schlug sie nicht den Weg zum Klausenhof ein, sondern ging die entgegengesetzte Richtung hinunter nach Kampenn. Dieses Mal hatte sie keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, und früher als sie selbst dachte, stand sie vor der Hütte am Rand der breiten Wiese.
Die Alte war nicht im mindesten erstaunt, als sie den Besuch gewahrte, aber sie nickte freundlich und sagte:
»Das ist schön, daß Ihr kommt, Maria Klausen.«
Dann wischte sie mit ihrer großen, peinlich sauberen Schürze über einen Stuhl und stellte ihn ihr hin. Maria aber schämte sich plötzlich, daß sie, die Klausentochter, um Rat und Hilfe in die armselige Geislerhütte kam, und um ihre wahren Gefühle zu verbergen, übersah sie den Stuhl, den ihr die Alte hingestellt hatte, und sagte rasch und ein wenig hochmütig:
»Ich bin nur gekommen, um Euch zu fragen, wieviel die Salbe kostet.«
Die Alte schaute sie ruhig an.
»Meint Ihr denn, sie hat geholfen?«
»Ja ... ganz sicher. Der Kleine ist beinahe schon gesund.«
»Dann höret, Maria Klausen. Da gibt es jetzt zwei Dinge. Entweder der Herrgott hat das Kind gesund gemacht, und dann braucht Ihr mir nichts zu bezahlen. Oder meine Salbe hat geholfen, und da mögt Ihr mir ja ehrlich sagen, ob Ihr trotz Eurer schönen Höfe und Eurer endlosen Wiesen Geld genug habt, für den Buben zu zahlen, was er Euch wert dünket.«
Und nachdem sie das gesagt hatte, machte sie sich beim Herde zu schaffen, als ob niemand da wäre. Maria aber gingen diese Worte wie scharfe Messer ins Gewissen. Sie schämte sich nun ihres falschen Hochmutes, der sie zu der häßlichen Frage verleitet hatte, und zerknirscht wollte sie aus der Stube gehen.