Hatte er nicht recht ...? Warum sich quälen ...? Wenn ihm leichter wird da oben, so mag er in Gottes Namen oben bleiben. Immer konnte es doch nicht dauern. Einmal wird es vorübergehen, und dann wird er ihr dankbar sein, daß sie seinen verlassenen Hof durchgehalten hatte ...
Und sie fand den Leuten gegenüber neue Ausreden für Stephans Verschwinden und war noch einmal so unermüdlich, so umsichtig als vorher. Aber müde wurde sie jetzt manchesmal. So müde. Dann umspannte sie den alten Hof mit leidvoll-mütterlichen Blicken und streichelte die grauen, rissigen Mauern. Ja, er war ein wunderbarer Hof ... aber so eine Bürde ... O so eine Bürde ...!
Bald nach Ostern erlebte Maria einen neuen großen Schreck. Drüben in der schönen Villa wurden eines Morgens die Fensterläden geöffnet. Da verlor sie plötzlich allen Mut. Wenn die Fremden wiederkamen ... die Fremde wiederkam ... konnte es da jemals gut werden ...?
Und eine Woche später kam über die schlechte steinige Bergstraße eine vornehme Kutsche gefahren. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verhüllten das Innere des Wagens. Da aber weinte Maria, denn nun dachte sie an des eigenen Herzens unerfülltes Harren ...
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Mit langen, hallenden Schritten kam einer herab vom Titschen. Er trug ein Hemd mit weit zurückgelegtem Kragen, eine rauhe Joppe und eine kurze Lederhose. Den Hut hatte er vor ein paar Tagen bei einer tollen Kletterei verloren. So wanderte er barhaupt mit der Sonne auf den wilden blonden Locken, auf den schmerzdurchbebten Zügen, auf dem weißen Hals, auf den bloßen Knien, mit der Sonne auf dem ganzen prächtigen edlen Wuchs und sah aus wie ein verirrter oder verjagter Königssohn.
Ohne Ruhe, ohne Aufenthalt, blind für die tausendfache Schönheit der erwachenden Wälder, hastete er abwärts, schalt sich einen »Hund« und schämte sich sogar vor Adalbert.
Denn Adalbert hatte ihm heute nacht bei den heimlichen Zwiegesprächen, die er dort oben beständig mit ihm führte, gesagt: »Und wenn ich sieben Gräfinnen geliebt hätte, und sieben Gräfinnen hätten mich geliebt, so hätte ich doch nicht meinen Hof in den schwachen Händen eines Weibes gelassen.«
Da hatte er sich noch im Finstern auf den Weg gemacht.
Ja, Adalbert hatte recht. Herrgott! ... die ganze Wirtschaft, den ganzen Hof mit den störrischen Leuten einem Mädchen überlassen! Wie leicht etwas geschehen konnte. Dann war sie allein mit dem fremden Volk, ohne Rat und Hilfe. Arme, kleine Maria ... soviel fremde Bürde zu der eigenen Bürde. Weiß der Himmel, wie sie es trug, aber sie trug es und war nur ein schwaches Mädchen.