»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische. Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine Gabel oder sonst etwas reichte.
»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause.
»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie hätte herausschlagen mögen.
»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu gehen hättest.« – Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor, »bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«
»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«
»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie mir, den Tisch abzuräumen.
Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt. Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die dritte zurück müsse. – Meine Mutter hat nie begreifen können, warum ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. – Nun war ich wenigstens nicht mit den »beiden« zusammen. – Der Gedanke an sie war mir unerträglich. – Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. – Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. – In solchen Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. – Doch so oft ich dies verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht langsam, an mir vorüberging.
Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes, wehmütiges Glück gewesen. – Ich knirschte mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht Leopoldine. – So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater mehr) auch einsperren lassen möge.
Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. – Leopoldine trug jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter als zuvor.
Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und fühlte mich heimlich recht unglücklich.