Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich; doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre gegeben hätte.

Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise. Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle dampfte, war mir immer zum Weinen.

Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser stille Wunsch unerfüllbar.

Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte.

Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach, erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie zuvor.

Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand, daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held meiner Träume in Langenau nicht sei.

Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte, daß wer immer das sagte, recht hatte.

Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre gegeben worden.

Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann. Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen, wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach – weil ich eben nichts anderes tun konnte.

Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen; der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend verbrachten.