Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte, kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz. »Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine – alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. – Er mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem Schuppen. – Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. –
Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht höflichen Gruße ein.
Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser. Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.
»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand gehen könnte?« –
Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen langsam sinken.
»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes, bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in Zimmer und Küche nützlich machen möchte.«
Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte – oder so etwas war es wohl –, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte. Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« – und nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«
Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet, daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und zwang mich zur Ruhe.
Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl.
Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,« sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es in der Welt zugeht« – und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht machst du dein Glück.«