Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen, sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten könne.

Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.

Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit. Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr liebes treues Herz zitterte und zuckte.

»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück – dieses Mal mit Tränen in den Augen.

Die Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die Frau in ihrem schwarzen Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen, der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen. Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste, ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise, mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich ihm gehorchen mußte. – Das Mädchen war mir die liebste.

Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als die meiner Eltern.

Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete, wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor.

Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal, ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken.

»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige Ihren Schatz ins Zimmer, heh?«

»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«