»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun können.«
Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung. Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden. Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten wir langsam dahin – viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. – Mein ganzer Zorn kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am liebsten geschlagen.
Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke, hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich ihnen entgegen.
»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig:
»Wohin sollen wir gehen?«
»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein Vater ist eingesperrt.«
»War,« verbesserte Hilda leise.
Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? – Was kümmerte mich jetzt die ganze Welt? – Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der Kleine mir recht schwer wurde. – Es war auch schon Mittagszeit, und ich wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den Kindern nach Hause.
Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab; als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem Arm.
»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.«