Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt – so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in ihr einen Engel.

Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte, betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld.

Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten.

Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.« Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr.

»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig zu mir?«

Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«

Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung.

»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.« Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen, und eine neue Scham überfiel mich.

»Es ist wahr,« sagte ich endlich.