Ich errötete bei dieser Frage.
»Nein,« sagte ich langsam.
»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« – sie rechnete wieder – »das macht eine schöne Summe – ich glaube, du bist leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften Vorwurf in den Augen an.
»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen war, der mich hierhergebracht hatte.
Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie: »Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen, ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen könntest.«
Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr gerne annehmen,« sagte ich.
Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. – Ist dir das so recht?« Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.
Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte. »Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, – doch ich habe es ja immer gesagt, daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe, die neue Stelle wird Ihnen gefallen.«
Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als ich auszog, mein Glück zu suchen.
Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen, die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.