Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich auch eine Pfeife.

»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.

»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.«

Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,« sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«

»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?«

»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«

Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von neuem anfangen mußte.

Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen Geschmack.

»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.«

»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone, »für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu sagen, viel zu fein.«