»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände eines Prinzen hatte.
»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.«
»Hat man dich –?« frug ich und wagte nicht zu vollenden.
»Ja, darum lief ich davon.«
»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?«
Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf, – es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.
»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich werde euch nicht zur Last fallen – ich gehe nach Wien,« schloß er, sich zu mir wendend.
»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?«
Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne) habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann; doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große Kapital, das ihm der Zufall – meine liebe Schwester,« wandte er sich an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange hinaus – in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken, die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen.
»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?«