»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern), und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir, wozu ich mich am besten eigne.«

Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.

»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«

Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«

»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen werde.«

In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt schlafen.«

Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu geben.

»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«

»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern lassen!«

»So willst du lieber, daß ich verhungere?«