»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«

»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«

»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot verdient.«

»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«

Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu können.«

Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. –

Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. – Was mich am meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« – Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.

»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du, er hat schon ...?«

»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste Frauensperson in der Welt.« – Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.

Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.