Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist du die Nacht über gewesen?« – Er schien über die Frage nicht sehr erbaut zu sein.

»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«

Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.

»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«

Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch er schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte ich und bereute die Frage im nächsten Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.

»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«

»Ich?«

»Ich meine wir – doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. – Sobald ich also den Staub dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. –

Bist du damit einverstanden?«

Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.