»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«

»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«

»Ich fahre heute noch nach Wien.«

»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.

»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. – Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«

Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.

»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«

Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.

»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien ankommen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in die Hand.