Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen würde. – Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke war er fort.
Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....
Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder auszunehmen.
Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.
Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.
Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.
»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben Heimweh!«
Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«
»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«
»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar nichts kann.«