Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.
Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.
Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.
»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem so?«
»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«
»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in Stelle.«
Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«
»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.
Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«