»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«
Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« – und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.
Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich nach Hause. –
... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.
Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.
Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete ja auch, – wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen würden.
Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich faßte ich einen kühnen Entschluß – so kühn, daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.
Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.
Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen Worten:
| Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget |
| Und ich vor Leid verzweifle schier, |
| Dann greife ich nach meiner Feder |
| Und füll' mit Zeilen das Papier ... |