In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse, die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte ihn dann sprechen.
Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. – Ich hatte fast meinen Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, – es war mein Bruder! Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.
»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«
»Warum elendes Geschäft?«
»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit unter mir stehen?«
»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler geworden?«
Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein Künstler – das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel fallen?«
»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«
»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«
»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«