»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig ist, um Großartiges zu schreiben.«
»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«
»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«
Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien eine Stelle anzunehmen?«
Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.
»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist du denn verrückt geworden?«
»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es weiter zu bringen.«
»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«
»Wie meinst du das?«
»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«