Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.
»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten bereite.
»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid und gab sie ihr dankend zurück.
»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.
»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.
»Also fertig?«
»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.
Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich zu mir.
»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen, und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe. Endlich stiegen wir ab.
Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«