Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide reichte der Rest nicht.
Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich rasch zurück.
Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war mir unerträglich.
»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«
»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den Kopf noch tiefer.
»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«
Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.
»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«
Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. – Ich würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen brauchen.«
Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf den Tisch.