Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.
»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«
Dann ging er hinaus.
Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein nach Hause.
Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.
Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme, aber von mir sprach man nicht.
Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.
»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«
»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld bitten.«
»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«