Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder bekommen.«
»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«
Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.
Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.
Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.
Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. – Vielleicht konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.
Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«
Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.
Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«
Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich jetzt zu meinem Geld?«