»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.
»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.
»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ... Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.
Die Dame aber vertrat mir den Weg.
»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«
»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«
Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen, und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.
Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«
Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie mir die Tür.
Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter nach Langenau.