Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.
»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.
»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.
Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht morgen.«
Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.
Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.
Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.
Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.
Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen – allein.
Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich wartete ...