Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte Haltung.

»Sind Sie das neue Fräulein?«

Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.

»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«

»Das bin ich auch.«

»Sie sehen viel jünger aus.«

Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.

Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich steckten.

»Wo seid ihr?«

»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, schritt ich hinein.