Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«
Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die Hand.
»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«
»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«
»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«
Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen. – »Du!« rief er.
»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.
Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«
»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.
»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume bis an den Himmel reichten. – Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone für jeden.«