»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber hast.«

Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein – der große Mensch ist ja immer allein – meine Aufgabe vollbringen.«

Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.

Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. –

Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. –

Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.

»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor ihn hin.

»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in eine schreckliche Wut.

»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«

Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut griff und verschwand.