»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine, würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen, ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.
Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.
Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte, zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer, die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte Schwäche mich wieder befiel. – Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam, setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht und hätte überhaupt das alles nie begriffen. – So litt ich weiter und litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. – Der Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer, der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens. Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame Ruhe. –
»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise, »wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich zuckte mit keiner Wimper.
»Nein, ich will nach England.«
Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder den vorigen Ausdruck an.
»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme aller Hoffnungslosen. –
Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat ich ihn um das Reisegeld nach England. – Zwei Tage später kam sein Brief. Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so schwer errungenen Sieg.
London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu gleicher Zeit. – Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. – Aber wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision. Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen, so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen also eine Stelle?« frug sie.
»Ja.«