»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«
»Ja.«
»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim; doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.«
Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht Betten.
»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.
»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte. Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich) in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!«
Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen aus der Schweiz.
»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand.
Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden könnte.
»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«