»Das ist mir alles eins.«

»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas bekommen.«

Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen Mädchen am besten.

Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen, festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen, und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit andächtigen Gedanken ...

Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet.

Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den großen Zehen seines rechten Fußes.«

Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages frei.

Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.

»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das versprechen?«

Ich versprach alles.