»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen Familie aufgenommen werden.«

Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf. Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden, ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.

»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.«

»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.

Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.

»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?«

»Natürlich.«

Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«

»Aber was soll ich denn tun?«

»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, und sie sprachen nichts mehr zu mir.