Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch. Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie Hausarbeit scheuen?«
»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich. Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile darin.
»Würden Sie aufs Land gehen?«
»Mit größtem Vergnügen.«
Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.
»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?«
Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten.
»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.«
Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde. Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich, und ich verneinte der Wahrheit gemäß.
»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim.