Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht, es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson.

Der kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt ungefähr zwei Stunden von London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten. Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam, weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.

»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. –

Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern, die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen, ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder, unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder bürstete noch einmal so rasch wie sie ...

So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde. Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir. Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ...

Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen, wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte, schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.

Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie klar. –

Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da »Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange, dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte. Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach. Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. –

Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag.

»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.