»Gewiß nicht!« sagte ich.
Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten, niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So, während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht, und ich nannte es »Ruby«.
Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke, die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus, und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer. Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache, die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:
Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag, an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:
| Ah! Love was never yet without |
| The pang, the agony, the doubt ... |
und dann einige Zeilen weiter:
| That Love had arrows well I knew |
| Alas! I find them poison'd too. |
Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches mir im übrigen gar nicht gefiel.
In Keats war mein Lieblingsgedicht: