Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in denen das Mädchen neben mir sang.

Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind, um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt – daß Gott noch an der Schöpfung arbeitet – daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht sind.

Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen. Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte, machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete, daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft wurden. – Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter darüberhin! –

Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück, von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber. Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum Schluß weinte sie.

»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach Paris ging.«

Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen.

»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?«

»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel – zu viel.«

Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und ihr Lächeln ein gezwungenes war.

An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne sie zu vollenden.