Um die zweite Mittagsstunde verließen die beiden Pilgrime ihre kleine Klause.
Daisenrieder hatte seinen schwarzen Flügelrock angezogen, den er seit seiner Hochzeit bei allen wichtigen Gelegenheiten trug. So konnte er auch die Ausrede, sie gingen zu einer Kindstaufe nach Moosheim, leichter aufrechterhalten. Und die Frau Mechthilde hatte das schöne rot und blau gestreifte Kopftuch auf, dessen lange Fransen so drollig auf dem dunkeln Obermäntelchen hüpften, und hatte den blauen Rock an, den sie nun sorgfältig hochhob, damit ihm kein Leides geschähe und der rote, halbflanellene Unterrock auch zu seinem Rechte käme. An der ersten Kreuzwegstation legte Daisenrieder seine Zigarre weg, auf den Astwinkel eines nahen Birnbaumes. Alsdann nahm er den schwarzen Filzhut vom Kopf und hielt ihn mit den Daumen der gefalteten Hände dicht vor den Leib. Nun sah man auch seine helle Glatze, über die ein paar einsame Fäden krochen, ins Ferne hineinstrahlen. Ein luftiges Schweißwölkchen aber rauchte und wirbelte gen Himmel hinauf. Die runden Wangen waren hochrot, und die drusige Nase ragte glanzblau aus der Glut heraus. Vom fetten Nacken quoll ein dicker Wulst gegen den schwarzen Flügelrock herunter. Die kühle Dezemberluft aber spielte mit den beiden Rockschößen und machte es so der Frau Sonne möglich, sich hin und wieder in dem breiten Hosenspiegel zu beschauen.
Wenn Daisenrieder oder die Frau Mechthilde jetzt um sich geblickt hätten, hätten sie noch sehen müssen, wie der Schloßkaplan zum Tor hinauswanderte und auf der andern Seite des Schloßberges den Staffelweg hinunterstieg. Denn der Schreinermeister Daisenrieder hatte in der Tat einige Aussicht auf den Verwalterposten. Seine Bewerbung hatte einen ganz guten Eindruck gemacht. Und nun sollte der Herr Kaplan den Mann aufsuchen und mit ihm reden und dann seinen Bericht erstatten. –
Die Frau Mechthilde aber begann jetzt das Stationengebet. Und dann beteten beide zusammen und fügten das Vaterunser an.
Sie beteten recht und im Ernste, wie es sich geziemte, und machten ihre Kniebeuge, wie es sich gehörte, und betrachteten die gemalte Leidensgeschichte des Herrn und machten ihre Anmutungen dazu. Und freilich, zwischen-hinein dachten sie auch an die Verwalterstelle. Das war nur menschlich und natürlich. Und wenn sie die Stelle auf dem Kreuzweg erbeten konnten, so war das nur löblich. – – In der Nähe des Schlosses, wohin die Stationen führten, wurden ihre Stimmen noch eindringlicher. Und das Rauchwölkchen über dem kahlen Haupte des Schreinermeisters ward noch sehnlicher.
So aber etwa der Graf vom Schloß aus zusah oder zuhörte, so war da gar nichts dabei. Das konnte einem im Gegenteil nur angenehm sein. Es hatte ja ein jeder Mensch seinen freien Willen, zuzuschauen oder nicht zuzuschauen, und es hatte ein jeder Christenmensch das Recht, sein Licht auf den Scheffel zu stellen und leuchten zu lassen. Dies lehrte schon die Heilige Schrift. – –
Der Graf hatte indessen weder die Augen noch die Ohren an einem der hohen Fenster, sondern weilte um diese Stunde oben in der Seitengalerie der Kirche, die durch einen Gang mit dem Schlosse verbunden war. Hier pflegte er täglich ziemlich lange zu verharren und dann auch sogar ein Auge auf den Schloßkaplan, der im Chorgestühl unten seinen Platz hatte, durchs Gitter zu werfen.
Auch diese Tatsache war in Wittenberg nicht unbekannt. Im Herrenstübchen zum Hahnenkeller vollends wußte man ganz genau, daß der Graf seine Frömmigkeit manchmal bis zum Äußersten trieb und selbst seinem Schloßkaplan hin und wieder Schwierigkeiten bereitete.
»Er sollte sich eine Frau nehmen und auf die Jagd und in Gesellschaft gehen und nicht bloß Bretter zählen,« sagte auch der Herr Kaplan, wenn er im Hahnenkeller im Kreise seiner Freunde saß.
Merkwürdigerweise hatte die Frau Mechthilde, die doch sonst alles wußte, nie davon erfahren.