Er antwortete von oben her: »Eine Krähe rupfte das Gras zwischen den Schindeln aus, und einige morsche sind schon herabgefallen. Da rupfe ich das Gras selber aus und lege neue Schindeln an die Stelle von denen, die herabgefallen sind.«

»O du weiße Krähe!« sprach sie lachend, »wie du fürsorglich bist für mein Hausdach!«

Sie sah, wie sicher er sich auf seinem hohen Sitze gehabte, und dachte bei sich: »Herr Mennhart, mein seliger Ehewirt, hätte das Stücklein da oben nicht ausführen können, denn er keuchte schon, wenn er die Treppe hinanstieg, und die Leiter hätte ihn nicht getragen. Ich armes, junges Maidlein, als ich zu ihm mit dem Brautkranze kam, war er schon ungefüge. Nun habe ihn Gott selig!«

Sie ging ins Haus und da kam ihr Jost Seydlin entgegen, grüßte sie freundlich und sagte, daß er alles wohl verrichtet habe und daß das Gebäck schön geraten sei.

Sie lobte ihn und sprach: »Du tust allezeit, wie es einem guten Knechte geziemt, Jost!« und ging in ihre Stube. Dort sann sie darüber nach, wie es sich wohl fügen möchte; denn sie hatte Heinrich Harer zwar zuerst erblickt, aber nicht im Hause, und Jost Seydlin war ihr zwar im Hause begegnet, aber sie hatte ihn nicht zuerst gesehen. Das schuf ihr manches Bedenken den Tag hindurch, bis sie sich zur Ruhe legte. Da wollte sie acht haben auf das, was sie träumen werde, und entschlief mit einem kleinen Seufzer.

Am andern Morgen erwachte sie frisch und erzählte sich von ihrem Traume nicht viel; aber sie sah in ihrem Handspiegel, daß die Wange rot war, wie es sich für eine junge Frau geziemte. Dann ging sie hinab in ihrem dunklen Kleide, über welches die blonden Haare aus dem Kopfbunde hervorglänzten, rief Heinrich Harer und befahl ihm alles, was am Tage zu schaffen war. So sagte sie auch: »Geh' hinaus zu den Deutschherren am Leech und lege die Reitung25 vor um das Brot, das wir ihnen die Zeit her geschickt haben. Sie wollen nämlich die Abrechnung für das vergangene Vierteljahr, und bringe das Geld heim. Aber von morgen an schickst du mehr hinaus als bisher, wie dieser Zettel hier besagt, denn sie sind zufrieden mit unserer Art und bestellen auch Weißgebäck für Herrentisch und Siechensaal.«

Darauf ging Heinrich in seine Kammer, legte die Rechnung und zog seine blaue Sonntagsjoppe an, strich sich das dunkle Haar zurecht und machte sich auf den Weg. Bald schritt er durch das südliche Stadttor hinaus und ließ sich die sonnige Luft um Stirn und Schläfen streichen. Wenig acht hatte er der Blumen, die aus dem Grase lugten; doch als er auf den grünen Anger kam, da war ein Teich und es flog ein Storch auf, der erregte seine Aufmerksamkeit. Und wie das schon kommt, spann er seine Gedanken fort, als er weiter schritt:

»Wer unter eigenem Dache sitzt, sprach er, hat es gut; er erfreut sich an Weib und Kindern, ist Stadtbürger und die Leute schenken ihm Achtung. Er legt seinen Fleiß daran, seine Habe redlich zu mehren, und sein Wort gilt viel in der Zunft, wenn er zu reden anhebt. Wird er alt, kann er eine Tochter aussteuern oder einen Sohn in die Fremde schicken, auf daß er sich die Welt mit eigenen Augen betrachte. Kommt dann die Zeit, so sagt er sich: ›Das ist ein gutes Tagewerk, wo das Leben mit Arbeit vollbracht ward. Auch hab' ich leidlich gut Gemach all meine Tage gehabt und meinen Leib mit Ehren gefristet. Das hat Gott immerdar für mich gewaltet, weil ich seines Rates in Demut gepflegt habe nach der Stimme des Gewissens!‹ Also möchte einer sagen und wäre zufrieden. Ich aber bin ein solcher Mann nicht, weil ich mir nicht getraue, an etwas mich herzlich zu freuen, aus Furcht, daß es nicht anhalten und allzu rasch verschwinden werde. Täusche ich mich jedoch darin, so will ich es meinem lieben Herrgott im Himmel immerdar danken.«

Und er blickte in den blauen Himmel hinauf und machte ein ernsthaft Gesicht, das gar finster aussah. Das bemerkte der Pförtner noch, als Heinrich am Leech angelangt war und in das Haus der Deutschherren schritt; denn jener sprach:

»Geselle, schenkst du mir einen guten Tag, so mache keine bösen Falten dazu. Du hast noch eine glatte Stirn; warte, bis die Zeit dir die Jahre, die du ihr schuldest, in Kerben einschneidet. Das wird sie getreulich tun, so dir wie mir, der ich alt bin. Doch ist mir ein fröhlich Antlitz willkommener denn eines, worüber der Schatten eines Raben geflogen ist.«