Zur bestimmten Zeit bewegte sich denn der Zug mit dem armen Sünder in der Mitte, von einem großen Haufen Volkes geleitet, vom Zunfthause im Sacke aus durch das innere und äußere Murtor bis zur Brücke und schwenkte nach rechts in den Wehrgang ab, der zwischen Strom und Ringmauer lag. Dort war der Schneller errichtet, in dessen Korb sich herkömmlicherweise der notdürftig bekleidete Büßer setzen mußte, um in die Mur geschnellt zu werden. Dann wartete seiner ein Nachen im Wasser, um ihn herauszufischen; und darauf kam der allerspöttlichste Schluß der peinlichen Handlung, indem der getauchte Sünder durch die Gasse der johlenden Volksmenge heimrennen mußte, um sich zu trocknen.

In solcher Weise begann denn auch jetzt das Schauspiel und nahm seinen Verlauf.

Heinrich setzte sich in den Korb, versuchte zu lächeln und blickte finster. Die Stange des Schnellers stand schräg über den Strom geneigt; die Seile, welche in den Rollen gingen, wurden angezogen und der Büßer schwebte hinan; dann ließen die Knechte die Seile plötzlich fahren und der Korb mit dem Insassen wurde dermaßen in die Flut geschnellt, daß die Woge darüber hinwegrauschte und kein Haar am Kopfe des Büßers sichtbar blieb.

Alsogleich begannen sie den Korb wieder emporzuwinden, der Nachen war bereit, um den Getauchten aufzunehmen; aber da war das Unerhörte geschehen: ein Schrei des Staunens und des Entsetzens erhob sich, denn der Korb war leer. Hatte der Darinsitzende sich nicht an den beiden Henkeln festgehalten, oder geschah es durch andere Ursache, genug, die Woge hatte ihn mitgerissen, er war fortgespült worden: Heinrich Harer war verschwunden.

Die Sonne war hinter dem Frauenkogel untergegangen, der Strom floß halb im Dämmer, halb im Lichte des Abends dahin, und wie auch alle spähen mochten, kein menschlicher Leib war fernab in der Flut zu erblicken. Ausrufe des Bedauerns und der Klage erhoben sich laut und lauter: »Er ist tot! er ist dahin, der wackere Heinrich ist verschwunden. Die Mur trägt seinen toten Leib nach Wildon hinab!« Nur einige besonnene Männer meinten, daß Heinrich unter dem Wasser davongeschwommen sei.

Dieses glaubte auch Jost Seydlin, dem es bekannt war, daß sein Geselle trefflich schwimmen und auch eine beträchtliche Strecke unter dem Wasser den Atem an sich halten konnte, wie er es gesehen hatte, wenn jener in Leuzendorf an der Mühle zu baden pflegte. Freilich schien ihm die Sache nicht geheuer, denn er dachte: Heinrich ist stark, aber die Mur ist doch stärker; und da er sich die Schuld an dem ganzen Ereignis zumessen mußte, so ward sein Herz bedrückt. Doch entschlug er sich wieder bald der Sorge, indem er allen, die umherstanden, sagte: »Sorgt nicht! Heinrich, der kühne Geselle, geht nicht unter. Das hat er mit freiem Willen getan, um nicht gebadet wie eine Maus unter dem Spotte des Volkes heimrennen zu müssen. Das glaubt mir!«

In gleicher Weise suchte Jost Frau Walburga zu beruhigen, die tödlich erschrocken war, als sie zu Hause das Ereignis vernommen hatte, und zunächst in Klagen ausbrach, dann Jost des ganzen Handels zu beschuldigen anfing, so daß er zerknirscht von dannen schlich, jedoch zwischen den Zähnen immer noch murmelte: »Ich verwette meinen Kopf, daß Heinrich heil davongekommen ist.«

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, die Bürger der Stadt hatten den Fall sattsam besprochen und dann ihre Haustüren geschlossen und sich zur Ruhe begeben. Frau Walburga jedoch konnte keinen Schlaf finden; sie saß einsam in ihrer Stube und klagte und rang mit Angst und Hoffnung. Es war dunkel um sie; kaum sandte von außen der halbe Mond etwas Licht herein, der gegen Westen am Himmel stand, und dunkel war ihr Herz und kaum von halber Hoffnung durchleuchtet.

Sie dachte: »Seh' ich Heinrich noch einmal in meinem Leben wieder, so will ich ihm alles Gute, was ich vermag, erweisen, ich armes Weib! Ist es aber, daß er gestorben ist, dann will ich keine Freude mehr im Leben haben. Hilf mir, heilige Walburga, mit deiner Fürsprache, und ich will dein Andenken mit zwei der schönsten Wachskerzen minnen, die Meister Sebald, der Lebzelter, in seinem Laden hat! Auch will ich an der Kirchtüre den Armen durch drei Wochen teilen, so viel ihrer dort stehen, das gelobe ich dir!«

Da tönte ein leiser Laut durch die dunkle Stube: »Frau Walburga!«